Gedanken zu „Relativierungen“ und „Vergleichen“.

Es ist in letzter Zeit ja häufiger zu hören, dass Menschen, die an den Nationalsozialismus erinnern und vor einem „nie wieder!“ warnen, der „Relativierung der Nazizeit“ bezichtig oder sogar deswegen verurteilt werden. Deswegen ist es umso wichtiger sich ein paar Fragen zu stellen.

Was ist eine Relativierung?

Nach Duden wird folgendes darunter verstanden:

„zu etwas anderem in Beziehung setzen und dadurch in seinem Wert o. Ä. einschränken“

Quelle: Duden

Eine Relativierung ist ein rhetorischer Kniff, um eine Sache als weniger schlimm, weniger bedeutungsvoll, weniger interessant und weniger wichtig darzustellen. Wenn jemand sich beispielsweise in einem Gespräch über Kinderarmut in Deutschland äussert, dass es auch woanders arme Kinder gebe, dann handelt es sich um eine Relativierung.

Eine Relativierung hat in der Regel eine Minderung des Wertes einer Aussage zum Ziel.

Jemand der daran erinnert, dass Merkmale des Nationalsozialismus auch 2020 noch nicht verschwunden sind und gewisse politische Praktiken mit der Nazizeit in Verbindung setzt, macht einen „Vergleich“. Ein Vergleich meint, etwas in Beziehung zueinander zu setzen.

Man kan sich sicher darüber streiten, ob die Praktiken und Logiken des Nationalsozialismus bereits komplett überwunden sind. Es gibt aber Menschen, die nicht diese Ansicht haben, sondern auch im Jahr 2020 noch politische Handlungsmuster erkennen, die einen geistigen Fortbestand des Nationalsozialismus darstellen. Dazu gehören vorallem autoritäre und totale Tendenzen, die besonders in den letzten Monaten sehr deutlich geworden sind aber immer wieder im politischen Alltag durchschimmerten. Wer weiss, dass Menschen mit geschlechtlichen Variationen bis 2010 zwangskastriert wurden und auch Zwangssterilisationen von Menschen mit Behinderung bis in die 90er-Jahre existierten und seine Augen nicht ganz verschlossen hat, wird auch heute, Jahrzehnte nach dem offiziellen Ende der NS-Herrschaft, immer noch Nachwehen dieser Zeit registrieren. In den letzten Monaten seit der Corona-Notstandsgesetzgebung möglicherweise deutlicher als zuvor.

Wenn Menschen der „Relativierung der Nazizeit“ bezichtigt werden, die sich angesichts der immer noch aktuell vorhandenen Denkmuster des Nationalsozialismus um den Zustand unserer Gesellschaft sorgen, dann sollten wir uns darüber Gedanken machen, woher der Vorwurf stammt und wer hier die Realtivierung begeht.

Nocheinmal zur Erinnerung: Realtivieren meint, sich eines rhetorischen Stilmittels zu bedienen, eine Sache durch einen relativierenden Vergleich abzuwerten.

Auf einen Menschen, der auch heute noch nationalsozialistische Denkmuster in unserer Gesellschaft entdeckt und auf diese Denkmuster hinweist, wird der Vorwurf der Abwertung kaum zutreffen. Eine Relativierung der NS-Zeit wäre es, wenn jemand äussern würde, die NS-Zeit sei ja nicht so schlimm gewesen, es habe ja auch andere Diktaturen gegeben, in denen Menschen ums Leben gekommen seien. Das Ziel einer solchen Argumentation wäre, die NS-Zeit zu entdramatisieren und die Gewalt faschistischer Weltanschauungen zu verharmlosen.

Menschen aber, die sich angesichts des Totalitarismus und Autoritarismus in Corona-Zeiten an die NS-Zeit erinnert sehen, eine solche Abwertung zu unterstellen, ist fern jeder Logik.

Es scheint wichtig zu sein, sich mit dieser fehlenden Logik näher auseinanderzusetzen und Fragen zu stellen. Was soll mit einem solchen Relativierungsvorwurf bezweckt werden? Soll das heissen, der Nationalsozialismus sei auf 12 Jahre beschränkt gewesen – quasi der Gaulandsche Fliegenschiss der Geschichte – und es sei jeder zu bestrafen, der auch heute noch Handlungsmuster erkennt, die in der geistigen Tradition dieser Zeit stehen? Meint ein „nie wieder“ nicht, sich immer wieder auch in der Gegenwart über totalitäre Prinzipen klar zu werden um das „wieder“ zu verhindern?

Mir scheint es, als ob die Quelle der Relativierung an anderer Stelle zu finden ist: Dort, wo der Vorwurf formuliert wird. Wer in der Gegenwart totalitäre politische Handlungsmuster nicht erkennt – möglicherweise auch, weil er davon profitiert und diese eigentlich dufte findet – der reduziert die NS-Zeit auf ein singuläres Ereignis, welches, wenn nicht 1945, spätestens mit den Tod der letzten NS-Täter überwunden ist. Es heisst ja immer, dass Menschen aus der Geschichte lernen sollten.

Wer die Existenz von Totalitarismus, Autoritarismus und Faschismus aber ins Reich der Vergangenheit verlagert und diese nur dort für möglich hält, der hat offensichtlich seine Schwierigkeiten, die Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart zu begreifen.

Nie wieder!