4. Hygienedemo

Am Samstag, den 18. April 2020 trafen sich in Berlin bei schönem Wetter mehrere Verschwörungstheoretiker und Grundgesetzverteidiger zur „4. Hygienedemo“. Zu der zufälligen Zusammenkunft hatte das Aktionsbündnis „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“ aufgerufen. Nach Presseberichten sei es vereinzelt „zu freiheitsbeschränkenden Massnahmen“ gekommen, nachdem die Polizei die Teilnehmer eingekesselt hatte – möglicherweise um den Corona-Sicherheitsabstand der Spaziergehenden zu reduzieren.

Anja Dierschke von der Polizei Berlin äusserte sich vor Medienvertretern dazu, dass es darum gehe, Straftaten zu verhindern und gegebenenfalls Personalien aufzunehmen, wenn „sich hier so viele Menschen befinden, dass der Mindestabstand nicht mehr gewährleistet werden kann“.

Auch in anderen Städten spazierten Menschen. Mehrere Videos existieren dazu im Netz und können heruntergeladen werden.

Propaganda 06: Die Kraft der Grafiken

Auch Schaubilder eignen sich ziemlich gut, um Propaganda zu betreiben. Das wichtigste ist, Dinge in einen Zusammenhang zu stellen, in den sie eigentlich nicht gehören. Dazu ein Beispiel:

Die Zeitung Katapult mit Sitz in Greifswald veröffentlich ja gerne Zahlen in Grafiken aufbereitet. In Sozialen Medien verbreiten sie nun eine Grafik zu Intensivbetten in Deutschland. Das ist diese hier:

Keine Fotobeschreibung verfügbar.
Quelle: Katapult, facebook 18.04.2020

Darüber schreiben sie dann folgenden Text:

In Deutschland ist die Anzahl der belegten Intensivbetten in den letzten drei Tagen von 12.783 auf 16.370 gestiegen
Trotzdem gibt es derzeit mehr freie Intensivbetten als vor drei Tagen, weil auch die Gesamtzahl der gemeldeten Intensivbetten zugenommen hat: von 22.271 auf 27.974. 
Wegen COVID-19 liegen heute 117 Menschen mehr auf einer Intensivstation als vor drei Tagen. Die Gesamtzahl ist von 2.555 auf 2.672 gestiegen.
Die Corona-Sterberate ist in deutschen Krankenhäuser unter anderem auch deshalb niedriger als in anderen Ländern (wie beispielsweise Italien und USA), weil es bisher keine Überlastung des gesamten Intensivpflegesystems gegeben hat. 
Die Grafik verdeutlicht zudem, warum Länder wie Mecklenburg-Vorpommern besonders vorsichtig reagiert haben. Die Infrastruktur ist insgesamt kleiner und schnell überlastet.

Sie schreiben also nun, dass die Zahl der Intensivbetten, in denen Covid-19-Fälle liegen, gestiegen seien von 2.555 auf 2.672. Für die Zeitung ist das der Grund, warum man „vorsichtig“ reagieren müsse und schliessen ihren Text mit „schnell überlastet“.

Schauen wir genauer hin. Wir würde denn die Grafik aussehen, wenn Katapult in die Grafik auch die Intensivbetten eingezeichnet hätte, die mit Covid-19-Patienten belegt sind*? Sagen wir mal so: Anders.

Quelle: Katapult, facebook 18.04.2020 mit Ergänzungen durch uns

Die roten Balken zeigen den Anteil der Covid-19-Belegung, ausgehend der Quelle https://www.intensivregister.de/#/intensivregister. Auf diese Zahlen hat sich auch Katapult bezogen. Aber in ihrer Grafik haben sie dann die wichtigen Balken weggelassen.

*Stand 14:00, mit Abweichungen zu 9:00.


Über Moral und Scheinmoral

In letzter Zeit mache ich mir viel Gedanken über Moral. Moral ist bekanntlich eine ethische Haltung, die Menschen hilft. So die Theorie. Mit was haben wir es aber zu tun, wenn die Haltung zum blossen Schein wird? Haben wir es dann nicht vielmehr mit so etwas zu tun wie scheinmoralischem Narzissmus? Der Corona-Lockdown bringt mich zum nachdenken.

Ich möchte ein Beispiel nennen. Der Runfunksender „Deutschlandfunk Kultur“ veröffentlichte am 18. April 2020 ein Zitat der Autorin Cornelia Funke. Das Zitat lautet wie folgt:

„Ich würde aus dieser Krise gerne mitnehmen, dass man mit wesentlich weniger auskommen kann. Dass wir nicht wie die Irren durch die Welt fliegen müssen. Dass wir dankbarer sind für das, was wir haben. Aber wir kennen die Menschen.“

Dieses Zitat hat zum Zeitpunkt meines Textes, den ich gerade schreibe, bereits über 4000 Likes erhalten.

Dazu habe ich mehrere Fragen:

Welches „wir“ meint Cornelia Funke? Denkt die Autorin dabei an die Menschen auf der Welt, deren Geld kaum zum überleben reicht, wenn sie davon spricht, dass „wir“ dankbarer sein sollen für „das, was wir haben“. Wie inklusiv ist dieses „wir“? Oder meint sie mit „wir“ die einen, die nicht „wie die Irren durch die Welt fliegen“ sollen und nicht die, die sich soclhe Flüge gar nicht leisten können? Wer ist das „wir“? Wer ist dieses „wir“, dass „mit wesentlich weniger auskommen kann“? Und welches „wir“ kennt „die Menschen“?

Scheinmoral klingt erst eimal gut. Dass mit Scheinmoral – das wissen wir seit Corona – auch Freiheits- und Bürgerrechte ausgehebelt werden können, das sollen wir akzeptieren, damit das „wir“ sich besser fühlt. Mit Scheinmoral werden Menschen wegen eines Lockdowns – über dessen Sinn und Zweck sich streiten lässt – nicht mehr zu ihren Angehörigen gelassen, Menschen verlieren ihre Arbeit und ihre Lebensgrundlage. Wegen des Lockdowns werden weltweit Menschen verhaftet und die Polizeihubschrauber kreisen.

Was ist das für ein „wir“ mit dem wir es zu tun haben?

Initiative „Nicht Ohne Uns“ veröffentlicht Zeitung

Anselm Lenz, Batseba N‘diaye und Hendrik Sodenkamp haben zusammen mit Prof. Giorgio Agamben am Freitag, den 17. April 2020 eine Zeitung herausgegeben, in der die Grundrechtseinschränkungen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus kritisiert werden.

Hendrik Sodenkamp hat Kulturwissenschaftstudiert und ist Theatermacher. Anselm Lenz ist Journalist, Dramaturg und Schriftsteller der u.a. für die taz in Berlin geschrieben hat. Prof. Giorgio Agamben ist Philosoph, Essayist und Buchautor und gehört „zu den bekanntesten Philosophen der Gegenwart“ (Wikipedia).

Links:

Zeitung Demokratischer Widerstand

Initiative Nicht Ohne Uns

Demokratie ist Debatte

Demokratie ist Debatte und der konstruktive Streit um ein Für und Gegen, Wissenschaft lebt von Thesen und Antithesen, Pluralismus meint, unterschiedliche Haltungen auszutauschen. Herzlich Willkommen bei den „Verschwörungstheoretikern“.

Was sind Verschwörungen?

Ein Kinderlexikon definiert das so: „Eine Verschwörung findet statt, wenn eine Gruppe von Menschen sich heimlich zusammentut, um etwas Böses oder Verbotenes zu machen“ (https://klexikon.zum.de). Der Duden kennt die „Intrige“ oder den „Komplott“.

Dass es Intrigen und Komplotte gibt, wissen wir nicht erst seit dem Watergate-Skandal. In Deutschland hatten wir die Barschel-Affäre, oder den VW-Abgasskandal. Offenbar gibt es sie also doch, diese „Verschwörungen“. (Eine Liste: https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Politische_Aff%C3%A4re_in_der_Bundesrepublik_Deutschland).

Was ist eine Theorie?

Im Duden finden wir neben der „wirklichkeitsfremden Vorstellung; bloßen Vermutung“ auch das „System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen und der ihnen zugrunde liegenden Gesetzlichkeiten“ (https://www.duden.de/rechtschreibung/Theorie). Was ziemlich sicher ist: Eine Theorie ist eine Vorstellung von etwas, eine Erklärung – aber kein Beweis.

Und Verschwörungstheoretiker?

Verschwörungstheoretiker tauschen Vermutungen über mögliche Intrigen aus. Im Journalismus beginnt mit einer solchen Vermutung die Recherche. Der Watergate-Skandal wäre ohne eine solche Recherche nie aufgedeckt worden.

Die Seite „die Verschwörungstheoretiker“ will der Abwertung von Verschwörungstheorien entgegenwirken, denn Gedanken über Komplotte und Intrigen gehören zu einer funktionierenden Demokratie. Wir laden Sie herzlich zum mitdenken ein.